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30 | 07 | 2010
Systematische Adipositastherapie im multidisziplinären Team PDF E-Mail

Die Adipositas (zu deutsch „Fettsucht“) stellt eine schwerwiegende körperliche Erkrankung dar, die nicht nur für das betroffene Individum sondern auch für die Gesamtgesellschaft immense Bedeutung erlangt. Um die Behandlungsmöglichkeiten der Adipositas darstellen zu können, bedarf es zunächst einiger Erläuterungen zu dieser Krankheit. Die Einteilung des gewichtsbedingten körperlichen Krankheitsrisikos erfolgt momentan anhand des Body-Mass-Index (BMI). Dabei wird das Körpergewicht (in Kilogramm) durch die Körpergröße in Meter² dividiert.

 

 

Bei einer Untersuchung der BMI-Verteilung in Deutschland wurden in den drei Jahren von 2003 bis 2006 eine rasante Zunahme des BMI beobachtet. Waren 2003 schon 43, 5 Prozent der Männer übergewichtig (BMI 25 bis 30) wiesen 2006 mehr als die Hälfte der deutschen Männer ein Übergewicht auf (52,9 Prozent). Im Bereich der Adipositas (BMI über 30) liegen Frauen und Männer etwa gleichauf: der Anteil der adipösen Männer stieg um acht Prozent (von 14,4 auf 22,5 Prozent), der Anteil der Frauen kletterte um 10,5 Prozent und liegt nun bei 23,3 Prozent. Knapp ein Viertel der Bevölkerung leidet unter Adipositas!

Die Ursachen von Übergewicht und Adipositas sind vielfältig:

familiäre Disposition

genetische Ursachen

moderner Lebensstil (Bewegungsmangel, Fehlernährung zum Beispiel häufiges Snacking, hoher Konsum energiedichter Lebensmittel, Fast Food, zuckerhaltige Softdrinks, alkoholische Getränke)

chronischer Stress

Essstörungen (zum Beispiel Binge-Eating-Disorder, Bulimie, Night-Eating-Disorder)

Endokrine Erkrankungen (zum Beispiel Hypothyreose, Cushing-Syndrom)

Medikamente (zum Beispiel manche Antidepressiva, Neuroleptika, Antidiabetika, Glukokortikoide, Beta-blocker)

andere Ursachen (zum Beispiel Immobilisierung, Schwangerschaft, Operationen in der Hypothalamus-region, Nikotinverzicht)

Es ist also wichtig festzustellen, dass Adipositas nicht primär das Ergebnis von Willensschwäche ist – wie es vielfach von Laien und auch Ärzten den Betroffenen unterstellt wird – sondern durch das komplexe Zusammenspiel von Umweltfaktoren, verhaltensbezogenen Faktoren und genetisch-biologischen Grundlagen mit bedingt ist.

ADIPOSITAS HAT DEN STELLENWERT EINER CHRONISCHEN ERKRANKUNG!

Diese Ansicht spiegelt sich auch zusehends in gesundheitspolitischen Bewertungen wieder. So hat sich das Europaparlament Anfang Februar 2007 dafür ausgesprochen, die Adipositas als chronische Krankheit anzuerkennen, und gleichzeitig die europäischen Regierungen dazu aufgefordert, dafür zu sorgen, dass die Krankenversicherungen für die Behandlung adipöser Menschen aufkommen. In Deutschland hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung erstmals im Mai 2007 ein Forschungsprojekt zur Entwicklung eines Kompetenznetzes ADIPOSITAS ausgeschrieben. Es wird im Rahmen des Förderschwerpunktes „Krankheitsbezogene Kompetenznetze“ gefördert. Auf der Grundlage einer verbundübergreifenden Infrastruktur werden in dem bundesweiten und zentrenübergreifenden Kompetenznetz Adipositas Themen wie Ätiologie- und Pathogenese-forschung, Diagnose- und Therapieforschung und versorgungsnahe Forschung bearbeitet. Dabei werden vor allem aktuelle Themen zur Erforschung von Ursachen und Prävention von Adipositas aufgegriffen.

Für die Behandlung der Adipositas hat die Deutsche Adipositas Gesellschaft Leitlinien aufgestellt. Hiernach definieren sich die Therapieziele in der aktuellen Version von Mai 2007 wie folgt:

langfristige Senkung des Körpergewichts um fünf bis zehn Prozent

Verbesserung Adipositas-assoziierter Risikofaktoren und Krankheiten

Verbesserung des Gesundheitsverhaltens (energieadäquate Ernährung, regelmäßige Bewegung)

•Reduktion von Arbeitsunfähigkeit und vorzeitiger Berentung

Stärkung der Selbstmanagementfähigkeit und Stressverarbeitung

Steigerung der Lebensqualität

Für die Behandlung der Adipositas hat die Deutsche Adipositas Gesellschaft Leitlinien aufgestellt. Hiernach definieren sich die Therapieziele in der aktuellen Version von Mai 2007 wie folgt:

langfristige Senkung des Körpergewichts um fünf bis zehn Prozent

Diese Therapieziele gehen in Behandlungsleitlinien ein, die wie folgt aussehen:

Es wird deutlich, dass abhängig vom BMI verschiedene Maßnahmen ergriffen werden sollen. Bis zum BMI von 30 Kilogramm/Meter² werden vorrangig präventive Ansätze und passive Empfehlungen vorgenommen. Lediglich bei zusätzlichen Begleiterkrankungen kann schon ärztlicherseits eine Therapie verordnet werden.

Ab einem BMI von 30 Kilogramm/Meter² sind folgende Behandlungsoptionen gefordert:

Das Basisprogramm stellt die wesentliche nichtoperative Therapieoption dar. Dabei wird unter ärztlicher Leitung eine langfristige Umstellung von Bewegungs- und Ernährungsverhalten unter verhaltenspsychologischen Gesichtspunkten vermittelt. Diese Maßnahme wird vielfach auch von den Kostenträgern empfohlen, es ist jedoch bundesweit bisher für die Betroffenen sehr problematisch, eine Umsetzung zu erreichen, da derartige Programme trotz aller politischen Lippenbekenntnisse zur Erfordernis qualifizierter Adipositastherapie nach wie vor rar sind. Auch bleibt bisher die Kostenübernahmesituation individuell und regional sehr verschieden.

Aktuell gibt es Bestrebungen, ein solches ärztlich geleitetes multimodales Behandlungsprogramm in den Schwerpunktpraxen für Ernährungsmedizin des Bundesverbandes Deutscher Ernährungsmediziner (www.bdem.de) zu etablieren. Diese Schwerpunktpraxen arbeiten interdisziplinär und halten immer eine qualifizierte Ernährungsfachkraft vor. Das Programm „DOC WEIGHT“, das die Anforderungen an ein solches Basisprogramm erfüllt, wird im Weiteren kurz vorgestellt.

„DOC WEIGHT“ ist eine Patientenschulung als ambulante Rehabilitationsmaßnahme gemäß Paragraf 43 Absatz 2 SGB V als langfristiges, multidisziplinäres Konzept mit gegebenenfalls anteiliger Kostenerstattung durch die Krankenkassen (auf Antrag) zur effektiven Behandlung von krankhaftem Übergewicht mit Kurseinheiten zu den Themen Verhalten, Bewegung und Ernährung unter ernährungsmedizinischer Leitung. In Zusammenarbeit mit dem Verband Deutscher Diätassistenten (VDD) plant der Bundesverband Deutscher Ernährungsmediziner die Etablierung dieses Basisprogramms insbesondere für Erwachsene ab 18 Jahren mit einem BMI größer als 40 Kilogramm/Meter² oder größer als 35 Kilogramm/Meter² mit Komorbiditäten. Ein derartiges konservatives Therapieprogramm für Menschen mit Adipositas Grad III ist bisher in Deutschland nicht verfügbar.

Der Schwerpunkt des Basisprogramms „DOC WEIGHT“ liegt dabei auf der dauerhaften Verhaltensmodifikation. Eine körperliche Leistungsfähigkeit von einem Watt je Kilogramm Körpergewicht wird vorausgesetzt. Teilnahmebedingungen sind weiterhin eine hohe Eigenmotivation sowie eine hausärztliche Notwendigkeitsbescheinigung. Der Kurs dauert 52 Wochen. Die Kursgröße umfasst sechs bis zwölf Teilnehmer.

Der Kursaufbau sieht wie folgt aus:

Kursaufbau der Patientenschulung

Eine dauerhaft erfolgreiche Therapie der Adipositas setzt grundsätzlich eine ausreichende Motivation und Kooperationsfähigkeit der Betroffenen voraus. Empowerment und Eigenverantwortlichkeit – oder mit anderen Worten: Hilfe zur Selbsthilfe – ist erforderlich. Dafür muss eine umfassende Information des Patienten über die Krankheit Adipositas, ihre Begleit- und Folgeerkrankungen sowie die Behandlungsmöglichkeiten erfolgen. Wie schon eingangs angeführt, nimmt die Zahl der extrem Adipösen rasant zu. Hier bedarf es eines fachkompetenten Teams, das in der Lage ist, alle für eine dauerhaft erfolgreiche und ausreichende Gewichtsreduktion erforderlichen Therapiemaßnahmen zu ergreifen und individuell – sozusagen maßgeschneidert - anzuwenden. Derartige Adipositaszentren entstehen an verschiedenen Orten Deutschlands. Oftmals sind adipositaschirurgische Maßnahmen wie ein Magenband, ein Magenbypass, eine Schlauchmagenbildung oder andere Operationen für eine ausreichende und langfristige Gewichtssenkung unumgänglich. Da aber ein solcher Eingriff nur ein Teil der Therapie sein kann, ist es immens wichtig, dass eine gute Kooperation zwischen den verschiedenen Fachleuten besteht. Ein Team ohne guten Adipositaschirurgen ist nichts – ein Team ohne gute ernährungsmedizinische und psychologische sowie bewegungs- und ernährungstherapeutische Kompetenz ist aber auch dauerhaft nicht erfolgreich. Selbsthilfegruppen mit gut ausgebildeten Führungskräften sind ebenfalls für den langfristigen Erfolg der Betroffenen unverzichtbar!

ERFOLGREICHE ADIPOSITASTHERAPIE BEDARF DER TEAMARBEIT

Nur eine interdisziplinäre Zusammenarbeit ermöglicht:

korrekte Patientenauswahl und Wahl der Behandlungsmethode, gegebenenfalls inklusive OP

präoperative Diagnostik und Einleitung der Er-nährungs- und Bewegungstherapie

perioperative Begleitung

postoperative Nachsorge durch Hausarzt, Chirurg, Ernährungsmediziner, Ernährungsfachkraft, Psychologen, Bewegungstherapeuten

Aktuell entwickelt die AG-Adipositas im Bundesverband Deutscher Ernährungsmediziner einen Handlungspfad „Ernährungsmedizin“ zur Adipositastherapie bei massiv adipösen Patienten in Kooperation mit adipositaschirur-gischen Zentren. Sowohl eine konservative als auch eine operative Therapieschiene wird definiert. Im operativen Sektor beginnt die ernährungsmedizinische Mitbetreuung weit vor einer eventuell anstehenden Adipositasoperation. Für die ersten beiden postoperativen Jahre ist ein strukturiertes Nachsorgeprogramm integriert, welches in den Folgejahren in eine kontinuierliche ernährungs-medizinische Nachbetreuung einmündet.

Sowohl Ernährungsmediziner als auch Adipositaschirurgen sind mittlerweile überzeugt, dass nur auf diesem interdisziplinären Wege das Ziel einer langfristig optimalen Gewichtsreduktion mit Senkung von Vorsterblichkeit (Mortalität) und Erkrankungswahrscheinlichkeit (Morbidität) zu erreichen ist.

Dr. med. Birgit Schilling-Maßmann

Schwerpunktpraxis für Ernährungsmedizin BDEM,

Tecklenburg

Adipositaszentrum Klinikum Ibbenbüren

Quelle: unser Ratgeber "Wegweiser bei Adipositas"

 
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