Start Behandlungsmöglichkeiten Adipositaschirurgie Nachsorge beginnt vor der Operation
30 | 07 | 2010
Die Nachsorge beginnt vor der Operation PDF E-Mail

In den letzten Jahren werden in Deutschland immer mehr Menschen mit extremer Adipositas chirurgisch behandelt, und es ist damit zu rechnen, dass die OP-Zahlen rasch weiter ansteigen werden. Leider ist bisher außerhalb von einigen chirurgischen Zentren eine regelmäßige und fachkompetente interdisziplinäre Nachbetreuung nicht vorhanden.

Erste Ansätze zur Verbesserung der Situation wurden in den ernährungsmedizinischen Schwerpunktpraxen BDEM gemacht, hier sind qualifizierte Ernährungsteams vorhanden. Das Team besteht aus Ernährungsfachkräften, Ernährungsmedizinern und Kooperationen mit Psychologen und Bewegungstherapeuten. Die Berufsverbände VDD (Diätassistenten) und BDEM (Ernährungsmediziner) haben sich in letzter Zeit verstärkt der Weiterbildung ihrer Mitglieder in diesem Bereich gewidmet.

Die Nachsorge nach chirurgischer Behandlung der Adipositas sollte aber bereits weit vor der Operation beginnen. Idealerweise ist die ernährungsmedizinische Praxis bereits bei der Indikationsstellung zur Operation, also dem Nachweis der medizinischen Notwendigkeit der Be¬handlung, am Entscheidungsprozess beteiligt.

Da zurzeit die Kostenübernahme der Operation bei der Krankenkasse von jedem Betroffenen individuell beantragt werden muss, kann durch die Mitbegutachtung durch den Ernährungsmediziner die Vorstellung beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) erleichtert und damit die Erfolgsaussichten gesteigert werden.

Durch eine Operation, egal ob Magenband, Bypass oder Schlauchmagen ist die Erkrankung jedoch nicht geheilt. Das wissen zwar alle Betroffenen, die sich ernsthaft und gründlich mit der Thematik vor der Entscheidung zur Operation befasst haben. Trotzdem wird, und das ist sehr verständlich nach jahrzehntelangem Kampf gegen die Pfunde, die Hoffnung, dass sich alles automatisch regelt, nicht aufgegeben. Aus solchen Illusionen können große Enttäuschungen entstehen.

In der Vorbereitung zur Operation ist deshalb eine gute Vorsorge notwendig, um den Behandlungsverlauf nach der OP dauerhaft positiv zu gestalten.
Die Voruntersuchungen umfassen zumindest eine gründliche körperliche Untersuchung, bei der alle relevanten Erkrankungen der Organe und des Muskelskelettsystems erfasst und behandelt werden. Dazu gehören Labortests und eventuell eine Bioimpedanzanalyse (BIA) zur Beurteilung der Körperzusammensetzung.

Die Untersuchung vor der Operation zielt auch darauf ab, dass eventuelle Mangelernährung und Mangelerscheinungen erkannt und möglichst schnell behandelt werden. Insbesondere nach Magenbypassoperation und stärker noch nach BPD drohen durch die Folgen der Operation (Darmverkürzung) sonst gesundheitsgefährdende Mangelkrankheiten.

Neben der medizinischen Diagnostik ist die Erfassung der Ernährungsgewohnheiten äußerst wichtig, um bereits vor der Operation bestehende Probleme in der Ernährungsweise (Lebensmittelauswahl, Mahlzeitenfrequenz und vieles mehr) zu erkennen. Jede Operation erfordert eine Anpassung der Ernährungsweise, um langfristig ein gutes Ergebnis zu erzielen. In vielen Studien konnte dies belegt werden, leider besteht in Deutschland auch hier das Problem einer völlig unzureichenden Versorgung der wachsenden Patientenzahlen.

Die Diagnostik und Behandlung der Ernährungsweise (Ernährungstherapie) gehört in die Hand einer erfahrenen Ernährungsfachkraft (Diätassistentin, Diplomökotrophologin).

Viele Betroffene blicken skeptisch auf langjährige Erfahrungen mit „Ernährungsberatungen“ zurück, die oft nicht von qualifizierten Beratern durchgeführt wurden. Die Situation nach einer bariatrischen Operation ist aber eine völlig andere. Von den Betroffenen muss deshalb die Skepsis gegenüber dieser Behandlung überwunden werden, eine kompetente Diätassistentin wird wesentlich zum Gelingen der gesunden Gewichtsabnah¬me nach der OP beitragen.

In den US-amerikanischen Leitlinien von 2008 ist dies sehr ausführlich beschrieben und gefordert, da inzwischen zahlreiche Studien den Nutzen belegen.

Ebenfalls bereits vor der Operation kann eine begleitende Psychotherapie sinnvoll sein. Diese sollte auch in Abstimmung mit den anderen Therapeuten erfolgen und kann vom Ernährungsmediziner, wenn Patient und Arzt von der Notwendigkeit überzeugt sind, eingeleitet werden. Das Ziel dieser meist verhaltenstherapeutisch orientierten Behandlung ist die Erleichterung und das Erlernen einer Verhaltensänderung im Ernährungsbereich und je nach individueller Situation auch die Behandlung von anderen psychischen Problemen und Krankheiten.

Als weitere wichtige Maßnahme im Rahmen der Nachsorge ist die Bewegungstherapie zu nennen, die hier nicht weiter erörtert wird aber selbstverständlich auch von großer Bedeutung ist. Durch die oft sehr schnellen Veränderungen durch die rapide Gewichtsabnahme muss auch der Umgang mit dem eigenen Körper neu gelernt werden, um Bewegungsdefizite abzubauen. Angemessene Therapieangebote sind bisher leider noch die Ausnahme.

Nach der Operation erfolgt die erste Nachuntersuchung etwa nach einen Monat in der chirurgischen Klinik, weitere chirurgische Nachuntersuchungen hängen vom OP-Verfahren ab und werden meist von der Klinik festgelegt.

Die (nichtchirurgische) Nachsorgeuntersuchung in der Schwerpunktpraxis Ernährungsmedizin BDEM oder in anderen spezialisierten Einrichtungen wird im ersten Jahr nach der OP vierteljährlich stattfinden, im zweiten Jahr halbjährlich und später jährlich.

In Abhängigkeit vom OP-Verfahren und der individuellen Situation werden regelmäßige Laborkontrollen durchgeführt (siehe Tabelle 1, nach den Leitlinien der Amerikanischen Fachgesellschaft ASMBS). Die körperliche Untersuchung und eventuell eine Ultraschalluntersuchung der Bauchorgane (Gallenblase) sind Bestandteil der Nachsorge.

Im Gespräch mit dem Patienten wird der Verlauf beurteilt, eventuelle Beschwerden werden erfasst und die Begleitkrankheiten mitbeurteilt. Die Bedeutung einer sorgfältigen Supplementation (Einnahme von Mineralstoff-und Vitamintabletten) ist für den Verlauf und die Verhinderung von Mangelkrankheiten groß, abhängig vom OP-Verfahren und der individuellen Ernährungssituation werden die entsprechenden Präparate verordnet.

Eine Schlüsselrolle hat wiederum die Ernährungsfachkraft. Nach dem schnellen Kostaufbau innerhalb von wenigen Wochen postoperativ, zielt die Ernährungstherapie auf eine ausgewogene und genussreiche Ernährung, ganz besonders wichtig ist die ausreichende Versorgung mit Nahrungseiweißen. Durch die extreme Magenverkleinerung und eventuell neu auftretenden Nahrungsmittelunverträglichkeiten (zum Beispiel Laktoseintoleranz) ist die Eiweißaufnahme und Verdauung oft problematisch. Die Folge eines Eiweißmangels sind körperliche Schwäche, Haarausfall und im weiteren Verlauf auch Gewichtsstagnation.

Die Erfahrung zeigt uns, dass keine allgemeingültigen Ernährungsempfehlungen (außer einigen Grundregeln, siehe Tabelle 2) geben kann, da jeder unterschiedliche Ernährungsgewohnheiten, Vorlieben und Probleme hat, die durch nur durch eine individuelle Betreuung am Besten verändert werden können.

Die Ernährungstherapie wird im ersten Jahr nach der OP intensiver sein als dann in der Folge, eine Ernährungsberatung alle vier bis sechs Wochen ist meist ausreichend.

Der hier nur kurz skizzierte Ablauf der Vor- und Nachsorge bei chirurgischer Behandlung der Adipositas ist leider noch lange nicht Teil der Regelversorgung. Viele Kostenfragen sind noch völlig ungeklärt, besonders die intensive medizinische Betreuung und Diagnostik betreffend. Ernährungstherapie ist nach der OP immer medizinisch notwendig, dadurch ist teilweise eine Kostenerstattung durch gesetzliche Krankenkassen gegeben, aber von Kasse zu Kasse unterschiedlich und muss beantragt werden.

Jeder Betroffene ist für seine Versorgungssituation aber auch selbst verantwortlich, das betrifft die regelmäßigen Kontrolluntersuchungen, Supplementeinnahmen und Mitarbeit in der Therapie. Sie oder Er wird somit das langfristige Ergebnis der Behandlung mitentscheiden.

Nützliche Links:
Verband der Diätassistentinnen: www.vdd.de

Bundesverband der Ernährungsmediziner, Verzeichnis der Schwerpunktpraxen:
www.bdem.de

Verzeichnis von Therapieeinrichtungen, Deutsche Leitlinien: www.adipositas-gesellschaft.de

Ernährungsleitlinien ASMBS: www.asbs.org/Newsite07/resources/bgs_final.pdf

Dr. med. Klaus Winckler
Internist/Ernährungsmediziner, Frankfurt am Main

Quelle: unser Ratgeber "Wegweiser bei Adipositas"

 
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