Start Erfolgsgeschichten Linas Geschichte
30 | 07 | 2010
Linas Geschichte PDF E-Mail

„Mir war klar, ich muss mich fast halbieren“

Ich hatte bis zum 25. Lebensjahr keine nennenswerten Probleme mit Übergewicht. Ich hatte zwar schon die eine oder andere Diät gemacht, aber da ging es um höchstens fünf bis zehn Kilogramm. Nach meiner Hochzeit ging es los, ich bin oft essen und feiern gegangen und habe dann mit dem Rauchen aufgehört. So habe ich schnell 30 Kilogramm zugenommen und war bei circa 120 Kilo. Dann ging es los mit den Diäten, habe bei jeder immer schön abgenommen, aber danach umso schöner wieder zugenommen. Habe mich dick diätet. Im Sommer 2007 Höchstgewicht von fast 170 Kilogramm.

Hatte dann Unterleibsbeschwerden, bin ins Krankenhaus zum Notdienst und die konnten trotz modernster Geräte nicht erkennen, was ich hatte. Mit den Worten „Sie sind zu stabil für unsere Geräte, wir können nichts erkennen“, wurde ich mit Medikamenten voll gepumpt und nach Hause geschickt. „Wenn es schlimmer wird, müssen Sie wiederkommen und dann machen wir Sie auf!“

Hatte dann das erste Mal richtig Panik, was ist, wenn mir mal richtig was passiert. Blinddarmdurchbruch oder ein schwerer Verkehrsunfall. Die bekommen mich gar nicht aus dem Auto! Es musste was geschehen und zwar schnellstens. Vorbei mit den ewigen Diäten, Pülverchen und Suppen. In dem Moment wusste ich, es geht nicht mehr ohne OP. Hatte davon in verschiedenen Zeitungen gelesen, aber mehr wusste ich davon nicht. Ab zum Hausarzt. Der hatte auch keine Ahnung, aber mein Glück war, dass er einen Patienten hatte, der ein Jahr zuvor in Dinslaken einen Magenbypass bekommen hatte. Er hat den ersten Kontakt zwischen uns hergestellt, das war im Oktober 2007 und von da an nahm alles seinen Lauf.

Daniel hat mich dann im Oktober mit zur Selbsthilfegruppe nach Paderborn genommen und mir die Internetseite adipostas-foren.de erklärt. Von da an habe ich Stunden im Netz verbracht, um mich zu informieren. In der SHG wertvolle Tipps bekommen und im November die Psychotherapie begonnen, mein Erstgespräch in Dinslaken gehabt und den Antrag bei der Krankenkasse abgegeben. Leider wurde der erst ohne nennenswerte Begründung abgelehnt. Habe meinen Widerspruch abgegeben und mich dann dazu entschlossen in Vorkasse zu gehen. Habe eine Versicherung dafür gekündigt, die ich ohne OP sowieso nicht erlebt hätte. Konnte aus beruflichen Gründen nur im Januar operiert werden und wollte nicht noch ein Jahr verschenken. Hatte genug Zeit von meinem Leben verschenkt. Nachdem ich alle Infos hatte, meine Ärzte uneingeschränkt für die Operation waren, habe ich mir bei Dr. Schlensak einen Termin für meinen Bypass geben lassen. Die beste Entscheidung meines Lebens!

Ich glaube, ich wollte noch nie in meinem Leben etwas so wie meine Operation. Habe mich in den vier Wochen davor supergesund und kalorienarm ernährt. Wollte es dem Doc und mir so leicht wie möglich machen. Außerdem hatte ich doch Angst, dass ich nach der Operation kaum noch was essen konnte. Und das nach den riesigen Mengen, die ich zu dem Zeitpunkt vertilgen konnte. So habe ich es geschafft, bis zur Operation 9,8 Kilogramm abzunehmen. Mein Gewicht betrug dann noch 156,7 Kilo.

Habe die OP problemlos überstanden, kaum Schmerzen, war einfach nur glücklich. Was für ein Gefühl, nach drei Löffeln Suppe satt zu sein. Und vor allem SATT! Was war das für ein Gefühl. Wow, das kannte ich jahrelang nicht mehr. Nur hungrig oder voll gefressen. Musste am Anfang wirklich erst lernen, was ist satt und vor allem, wann bin ich es. War immer supervorsichtig und habe eher zu wenig gegessen als zuviel. Hatte mächtig Angst, dass ich meinen Bypass irgendwie zerstören könnte. War am Anfang sehr ängstlich und habe oft Leute, die ich nun aus dem Forum kannte, kontaktiert, was ich essen könnte. Und immer lautete die Antwort: „Versuche es, aber vergiss nicht das Kauen, Kauen, Kauen!“

So habe ich es dann auch gehalten und in den ersten vier Monaten 40 Kilogramm verloren. Danach ging es langsamer, aber immer ging noch was runter. Bis ich so bei 110 Kilogramm war, dann hörte es erstmal auf. Aber trotzdem ich dann bestimmt zwei Monate nichts abgenommen habe, merkte ich das, meine Kleider immer weiter wurden. In den Phasen hat sich mein Körper sehr verändert. Ich hab mich in der Zeit auch nie unter Druck gesetzt, da ich wusste, bei den Mengen, die ich aß, konnte ich nur abnehmen. Bin auch höchstens zweimal die Woche auf der Waage gewesen. Was war das für eine entspannte Zeit. Das erste Mal seit bestimmt 15 Jahren, dass ich nicht den ganzen Tag über Essen, Essen beschaffen und Kochen nachgedacht habe. Eine richtige Erlösung! Im Gegenteil, ich hatte plötzlich Unmengen von Zeit. Ich hatte das Gefühl, ich befinde mich auf der Überholspur des Lebens. Soviel Lebensfreude, Power und Elan hatte ich plötzlich. Die nutzte ich, um mich noch mal der Krankenkasse vorzustellen in der Hoffnung, dass sie eventuell doch noch die OP befürworten. Der zweite Versuch wurde wieder abgeschmettert, aber mit Hilfe aus dem Forum war ich dann mit dem letzten Widerspruch erfolgreich.

Bin persönlich zu dem Sachbearbeiter gefahren und habe ihm das Leben einer „Fetten“ erzählt. Mir ging es in diesem Moment noch nicht mal mehr um mein Geld. Ich war so glücklich und hochmotiviert, dass ich auf diesem Weg mein Zielgewicht erreichen kann. Es ging mir echt ums Prinzip. Ich hatte im Vorfeld alles, aber auch wirklich alles getan, um abzunehmen. Habe mich gequält, gelitten und war echt am Ende. Durch diesen Eingriff habe ich erfahren, was Leben bedeutet. Dadurch, dass es mir nun so gut ging, habe ich erst mal begriffen, auf was ich die ganzen Jahre verzichtet habe.

Ich war 15 Jahre in meinem eigenen dicken Körper gefangen. Ich bin nicht mehr raus gegangen, habe mich von allen abgeschottet und habe mit Müh‘ und Not meine Arbeit geschafft. Gerade im Sommer war es eine Tortur. Wasseransammlungen in den Füssen und Beinen, Rückenschmerzen und Knieschmerzen haben mir das Leben zur Hölle gemacht. Morgens nach dem Duschen und Socken anziehen, lief mir das Wasser nur so den Kopf runter, so fertig war ich. Hätte mich eigentlich wieder hinlegen können.

Das alles habe ich dem Sachbearbeiter erzählt. Und auch wie man Sport machen soll mit dem Gewicht! Die meisten Geräte sind doch für uns gar nicht zugelassen. Fürs Fitnessstudio ist die Scham viel zu groß und im Grunde ist doch der normale Tagesablauf für uns wie ein Marathon gewesen. Wenn ich da noch dran denke! Das alles hat den Herrn von der Krankenkasse dazu bewogen, sich meinem Fall noch mal anzunehmen und mit einem Arzt zu sprechen, der Adipositas-Erfahrung hatte. Und nach circa vier Wochen kam der ersehnte Anruf. Okay, wir beteiligen uns an den Kosten. Es liegt doch eine medizinische Indikation vor. Da mein Aufenthalt im Krankenhaus nicht so lange, war habe ich dann circa drei Viertel der Kosten wiederbekommen. Aber das war mir ehrlich gesagt egal. Wichtig war, dass sie es endlich akzeptiert hatten.

Jetzt, nach einem Jahr nehme ich immer noch ab. Zwar sehr, sehr langsam, aber es geht noch was. Habe nun 70 Kilogramm verloren und denke, das ich bis zum Sommer die letzen sieben bis acht Kilo auch noch schaffe. Bin nach wie vor sehr motiviert und bin mir auch sehr sicher, dass ich mein Zielgewicht erreiche. Klar, hat man auch Tage, da denkt man „Oh Mann, immer noch so dick“, aber da hilft ganz schnell ein Foto aus alten Zeiten! Dann ist ganz schnell klar, dass ich Modelmaße nie erreiche, aber wenn ich ehrlich bin, war das auch nie mein Ziel. Ich wollte eigentlich immer nur „normal“ aussehen und das habe ich schon geschafft. Ich bin so glücklich, dass ich jetzt auch sehr gerne wieder rausgehe und auch anderen adipösen Menschen Mut machen möchte, dass man auch gegen so starkes Übergewicht was tun kann. Als ich mich zur Operation vorstellte war klar, ich muss mich fast halbieren. Das hätte ich nie und nimmer mit einer Diät oder Ernährungsumstellung geschafft. Ich bin sehr dankbar, dass mir diese Möglichkeit gegeben wurde und auch immer kompetente, nette Menschen für mich da waren, die ich ALLE noch vor einem Jahr nicht kannte. Dies versuche ich nun ein Stück weit weiterzugeben. Denn ohne Hilfe wäre ich nie da, wo ich jetzt bin.

Ich habe alles erreicht, was ich mir von der OP versprochen habe. Vor allem gesundheitlich geht es mir bestens. Auch habe ich Glück, dass ich alles essen kann und auch gut vertrage. Habe in der ganzen Zeit nie ein Dumping gehabt. Ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist. Ich bin in diesem Jahr 40 Jahre alt geworden und fühle mich weitaus besser als mit 30. Ich habe mein Leben zurück!

Dafür noch mal an alle, die mich auf diesem Weg begleitet haben, ein riesengroßes Dankeschön. Ich bemühe mich nach Kräften, es wieder gutzumachen.

Quelle: unser Ratgeber "Wegweiser bei Adipositas"

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, 09. Februar 2010 um 20:57 Uhr
 
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