Start Ursachen der Adipositas Adipositas und Übergewicht im Kindes- und Jugendalter
30 | 07 | 2010
Adipositas und Übergewicht im Kindes- und Jugendalter PDF E-Mail

Adipositas (krankhaftes Übergewicht) und Übergewicht stellen auch im Kindes- und Jugendalter ein zunehmendes Problem dar. Es gibt alarmierende Zahlen: 15 Prozent der drei- bis 17-jährigen Kinder und Jugendlichen in Deutschland haben Übergewicht, circa sechs Prozent sind adipös. Aus übergewichtigen Kindern werden in vielen Fällen auch übergewichtige Erwachsene. Aufgrund der schwerwiegenden Folgen für die Gesundheit ist eine frühe Diagnosestellung und Therapie sehr wichtig.

WARUM ENTSTEHT ÜBERGEWICHT UND ADIPOSITAS BEI KINDERN UND JUGENDLICHEN?

Das Hauptproblem liegt sicher in unseren veränderten Lebensbedingungen. Kinder verbringen immer mehr Zeit vor Computern, Fernsehern oder Gameboys und leben in einer bewegungsarmen Umwelt. Gleichzeitig sind kalorienreiche Nahrungsmittel fast überall verfügbar und werden in großen Portionsgrößen, als Fast Food oder Snacks ständig verlockend angeboten. Zuckerreiche Limonaden und Süßigkeiten werden in den Medien vielfältig beworben. Auch die Schulverpflegung lässt oft zu wünschen übrig. Es verwundert daher nicht, wenn Kinder und Jugendliche gesundes und kalorienarmes Obst und Gemüse oder Vollkornprodukte häufig ablehnen und lieber zu einem Schokoriegel greifen.

Aber auch der Einfluss der Gene (Erbanlagen) auf die Gewichtsentwicklung darf nicht unterschätzt werden. Nicht alle Kinder, die sich wenig bewegen und sich ungünstig ernähren, werden auch zu dick. Untersuchungen zeigen einen Einfluss der Erbanlagen um 40 bis 70 Prozent. Krankheiten, die Übergewicht auslösen, sind sehr selten. Mögliche Hinweise können eine allgemeine Entwicklungsverzögerung oder vermindertes Wachstum sein

WIE STELLT MAN ÜBERGEWICHT UND ADIPOSITAS BEI KINDERN UND JUGENDLICHEN FEST?

Ob ein Kind adipös oder übergewichtig ist, wird zunächst anhand des Body-Mass-Index (BMI) berechnet.

BMI = Körpergewicht (Kilogramm) : Körpergröße (Meter)²

Da die Beurteilung des BMI-Wertes bei Kindern und Jugendlichen durch alters- und geschlechtsbezogene Veränderungen schwierig ist, hat die Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) spezielle Referenzwerte erstellt, die auf sogenannte Perzentilkurven grafisch dargestellt werden (siehe Durchführungsbeispiel). Befindet sich ein Kind mit seinem BMI auf der 97. Perzentile bedeutet dies, dass 97 Prozent der Kinder seines Geschlechts und Alters leichter und drei Prozent schwerer sind.

Ab der 90. Perzentile besteht Übergewicht, ab der 97. Perzentile liegt Adipositas (krankhaftes Übergewicht) vor. Ab der 99,5. Perzentile besteht extreme Adipositas.

Mein Tipp: einfach im Internet unter www.mybmi.de den BMI und die Perzentile berechnen lassen!

Bei allen Kindern, die an Übergewicht oder Adipositas leiden, sollte zunächst eine gründliche ärztliche Untersuchung stattfinden (um zum Beispiel Hormonstörungen als Ursache der Adipositas beziehungsweise um Begleiterkrankungen wie Zucker oder Fettstoffwechselstörungen auszuschließen). Auch eine psychologische Diagnostik kann bei Hinweisen auf Entwicklungsstörungen oder Schulproblemen sinnvoll sein.

WELCHE FOLGEN HAT ÜBERGEWICHT UND ADIPOSITAS IM KINDES- UND JUGENDALTER?

Kinder mit Adipositas haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Herzkreislauferkrankungen und Diabetes. Veränderungen der Blutgefäße mit fibrösen Ablagerungen an den Halsschlagadern sind bereits bei adipösen Kindern nachweisbar. Weitere Folgeerkrankungen sind zum Beispiel hoher Blutdruck, gestörter Zucker- und Fettstoffwechsel, Fettleber, Gallensteinleiden, Schlafapnoesyndrom (nächtliche Untersättigungen mit Sauerstoff), aber auch orthopädische Folgeerkrankungen mit Fußdeformitäten (Knicksenk- beziehungsweise Plattfüße) und Achsabweichungen im Kniegelenk mit Gefährdung des gesamten Haltungs- und Bewegungsapparates und frühzeitiger Arthroseentwicklung.
Von großer Bedeutung sind auch die psychosozialen Folgen: Adipöse Kinder und Jugendliche sind häufig sozialen Vorurteilen und Ausgrenzungen ausgesetzt und haben meist eine deutlich eingeschränkte Lebensqualität. Sie fallen häufig in der Schule durch ihr hohes Körpergewicht auf, werden isoliert und diskriminiert. Dadurch entwickeln sich ein gestörtes Selbstbild und Selbstwertgefühl mit immensen Folgen für die weitere psychosoziale Entwicklung und möglicher Entstehung von Angststörungen und Depressionen.

WAS KÖNNEN SIE ALS ELTERN TUN?

Angesichts der möglichen Folgen ist eine frühzeitige Behandlung bedeutsam. Eine nachhaltige Gewichtsreduktion kann nur erfolgen, wenn dauerhaft das Ess-und Bewegungsverhalten verändert wird. Dies ist nur dann möglich, wenn die betroffenen Kinder und Jugendlichen durch das nähere Umfeld und die Familie unterstützt werden und selbst motiviert sind, ihren Lebensstil zu ändern. Die Grundregeln einer Gewichtsreduktion (mehr Bewegung, besser essen) sind zwar einfach, im Alltag aber nur sehr schwierig umzusetzen. Daher sind Schulungsprogramme, die aus langfristiger Behandlung, Kombination aus Ernährungs-, Verhaltens- und Bewegungstherapie sowie Einbeziehung der Eltern bestehen, notwendig. Dazu erstellte die Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindesalter (AGA, www.a-g-a.de) Leitlinien, die unter anderem das genaue Vorgehen bei der Therapie erläutern. Auch ambulante und stationäre Therapieeinrichtungen sind auf den Internetseiten der AGA zu finden.

Weitere Informationen findet man auch unter der Internetadresse www.adipositasschulung.de (Konsensusgruppe Adipositasschulung). Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft verfügt ebenfalls über Listen von Anbietern für Schulungsprogramme (www.adipositas-gesellschaft.de). Erster Ansprechpartner für Eltern adipöser Kinder und Jugendlicher sollte der behandelnde Kinderarzt oder Hausarzt sein. Auch örtliche Krankenkassen verfügen meist über Adressen von seriösen Anbietern von Schulungsprogrammen.

Ganz wichtig: Strenge Diäten führen nur zu kurzfristigen Erfolgen und schneller Gewichtsabnahme mit nachfolgendem Jo-Jo-Effekt und sind unbedingt zu vermeiden. Nur eine langsame Gewichtsreduktion mit kleinen Etappenzielen ist Erfolg versprechend. Behandlungsziel bei noch wachsenden Kindern sollte zunächst ein Gewichtsstillstand sein.

TIPPS ZUR ERNÄHRUNG:

Grundlage einer langfristigen Ernährungsumstellung sollten die drei Regeln der Optimierten Mischkost (Optimix) des Forschungsinstituts für Kinderernährung in Dortmund (www.fke-do.de) sein:

1. pflanzliche Lebensmittel und Getränke: reichlich
2. tierische Lebensmittel: mäßig
3. fett- und zuckerreiche Lebensmittel: sparsam

TIPPS ZUM ESSVERHALTEN:
1. Verbote und Bestrafungen sind verboten
2. Eltern als gutes Vorbild (Kinder lernen am Modell)
3. langsam essen
4. gemeinsame Familienmahlzeiten
5. mit allen Sinnen genießen
6. auf Körpersignale hören (Hunger – Appetit)
7. frühstücken

TIPPS ZUR BEWEGUNG:
1. die Bewegung im Alltag und in der Freizeit steigern
2. keine rigiden Sportprogramme, sondern Spaß und Freude an der Bewegung wecken
3. Fernseh- und Computerkonsum reduzieren

Spezielle Bewegungsgruppen für übergewichtige Kinder und Jugendliche bietet zum Beispiel die Sportjugend NRW im Landessportbund NRW (www.schwermobil.de)

Dr. med. Heike Pahl-Wurster
Ärztin für Allgemeinmedizin, Ernährungsmedizin, Adipositastrainerin für Kinder und Jugendliche (KgAS), Mülheim an der Ruhr

Quelle: unser Ratgeber "Wegweiser bei Adipositas"

 
Aktuelle Termine
Keine Termine

wir werden unterstützt von:

hostline.de
Aktion 1: Sparen Sie 3 Monate Hosting - Gebühren

Ihr Eintrag könnte hier stehen
Falls Sie uns unterstützen möchten, schreiben Sie uns an